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Mai 2018

Ende gut, alles gut. Mein dritter Anlauf beim Ironman 70.3 St. Pölten.

IM70.3 St.Pölten CheckIn

“Eigentlich” fühlte ich mich noch nicht wirklich bereit und zwei Wochen vor dem Start des IM70.3 in St. Pölten schauten Andrea und ich, ob denn noch Zimmer in der Nähe des Startes frei wären. Falls ja, so vereinbarte ich mit Andrea, dann melde ich mich zum Start an. Eine sichere Bank dachte ich mir, da wir bei den letzten beiden Teilnahmen Monate zuvor schon keine Unterkunft mehr fanden und teils eine weite Anreise in Kauf nehmen mussten. Denkste. Es dürften ein paar Starter abgesprungen sein und wir bekamen sogar im “official Ironman Hotel”, im Cityhotel D&C, keine 4km vom Renngeschehen entfernt, ein Zimmer. Unsere bis heute luxuriöseste “Absteige” bei einem Bewerb. Nun ja. So ein Mist. Obwohl, eigentlich auch nicht. Ich war froh. Ich habe 7 Monate trainiert und war vermutlich nur nervös. Sonst plane ich die Wettkämpfe ein Jahr im voraus und melde mich auch zeitig an. Diesmal ist alles a bisserl anders.

Raceday. Um 4:15 läutet der Wecker. Kurz nachdem ich endlich eingeschlafen war, weil ich mir wieder mal viel zu viel Zucker nach dem Abendessen gegönnt hatte, konnte ich nicht gut schlafen. Und wegen dem Sonnenbrand, den ich mir diesmal sicherheitshalber gleich am Anreisetag abholte, damit ich am Renntag gegenüber der Sonne resistenter bin. So zumindest die Theorie und der offizielle Plan. ;) Eine kurze Dusche, den Rennchip um die Fußfessel geklettet und dann mit meinem vorbereiteten Frühstück (35g Morgenstund, 5g Leinsamen, 10g Sportmüsli, 3g Macca und etwas “Magic-Kakao” für die Seele) gehen wir in den Frühstückssaal. Volles Haus um 4:30. Wahnsinn. Und die ganzen Profis um mich herum. Rüdi Wild, Anja Beranek, Eva Wutti, Thomas Steger, … . Schon beim Frühstück bekomme ich Gänsehaut und es kommen mir die Tränen, vor Freude, weil ich das so erleben darf. Emotionen pur. Und nicht das schlechteste Zeichen, würde ich meinen. :)

Nach etwas Hektik bei der Abrechnung und einer stauenden Anreise zum Veranstaltungsgelände geht’s dann auch schon in die Wechselzone. Reifendruck kontrollieren, den richtigen Gang einlegen, das Rad mit den kühlen Trinkflaschen bestücken (es soll ja ein heißer Tag werden), den Riegel und die Gels verstauen. Dann noch ein letzter Kontrollgang zu den Wechselsäcken “bike” und “run” ob alles an seinem Platz ist, den Weg nochmals einstudieren und dann geht es auch schon in Richtung Toilette. Ein letztes Mal. Die Nerven sind angespannt. Die Schlangen vor den ToiToi’s endlos scheinend. Aber, es muss sein. Zusätzliche Anspannung macht sich durch die Wartezeit breit. Ich starte bereits in der ersten Welle, gleich nach den Profis, um 7:15. Das einschwimmen geht sich leider nicht mehr aus. Dafür sitzt alles und die Vorfreude steigt und steigt. Hier und da treffe ich Freunde und Bekannte. Man(n) wünscht sich Glück und gutes Gelingen. Ein fairer Sport. Zumindest vor dem Start. Nach dem Profistart stehe ich auch schon in der Schlange zum “Rolling-Start” in der ersten Welle. Unter 30 Minuten habe ich angegeben. Das scheint mir realistisch, reihe mich diesmal aber sicherheitshalber etwas weiter hinten ein, da ich in Zell in vorderster Reihe startend doch einige Prügel von den schnelleren Schwimmern einstecken musste. Zu weit hinten, wie sich später herausstellen sollte.

Endlich. Der Startschuss. Besser gesagt, die Start-Quietsche-Hupe. ;) Gemächlich bewege ich mich Richtung Start und sehe die ersten “Arschbomben” der schnellsten Schwimmer. Meine Güte, denke ich mir. Nein, ich mache einen sauberen Start vom Steg mit einem ordentlichem Köpfler, obwohl ich das nicht geübt habe. Normalerweise starte ich aus dem Wasser. Diesmal vom Steg. Es klappt aber gut und ich schwimme los. Ich mache Druck und merke schnell, das ich Schwimmer um Schwimmer überhole und sich immer mehr Athleten in meinem Sog einfinden. Ständig berührt mich wer von hinten, was mir Mut macht, und ich Tempo mache… Boje fixieren, Richtung einschlagen und dann wieder Tempo machen. Ein paar Züge in guter Wasserlage, bevor die Richtung mit einem Blick nach der nächsten Richtungsboje kontrolliert, und der Kurs wieder korrigiert wird. Ziele stecken, dafür arbeiten, kontrollieren, korrigieren, weiter zum Ziel hin arbeiten. Wie im echten Leben. Ziele erreichen. So klappt das, denke ich mir während dem Schwimme und hab schon jetzt a Freude im Kopf. :)

Nach ca. 1.000m folgt der Ausstieg und der Landgang zum zweiten See, in dem die restlichen IM70.3 St.Pölten 2018 swim900m geschwommen werden. Ich sehe Andrea, höre Freunde und freue mich über jeden einzelnen Zuruf der Fans. Es läuft ganz gut, denke ich mir in diesem Moment. Der Sprung in den zweiten See klappt auch wunderbar und die Brille bleibt an Ort und Stelle und ich kann schnell wieder Tempo machen. Zwischenzeitlich verliere ich etwas die Konzentration, bleibe aber trotzdem am Drücker und schaffe am Ende eine für mich zufrieden stellende Zeit von 30:54 inklusive Landgang, der immerhin 1:14 in Anspruch nimmt. 29:40 für die 1.900m sind ok. Keine Glanzleistung, aber ich bin zufrieden, zumal mein Neopren sich mittlerweile wirklich in seine Einzelteile auflöst und von Beginn an viel Wasser durch die ganzen Löcher einströmt. Am Vortag konnte ich beim Neotestschwimmen einen neuen Anzug testen und war vollkommen fasziniert von der Leichtigkeit dieser neuen Neoprenanzüge und wie gut so ein Teil passen kann. Naja, das wird eine meiner nächsten Investitionen werden. Ein neuer Neo. Dann wird’s noch interessanter! ;)

Raus aus dem Wasser geht’s in Richtung T1, die erste Wechselzone, rauf auf’s Rad.IM70.3 St.Pölten 2018 T2-bike Neo Ausziehen, Helm, Brille, Nummernband und Schuhe anziehen, zum Rad laufen, aus der Wechselzone laufen… es klappt alles wie am Schnürchen. Auf dem Rad sitzend freue ich mich auch schon auf das erste Teilstück. Die S33. Rund 25km geht’s auf der gesperrten Autobahn in Richtung Traismauer, mit stetig leichtem Gefälle, diesmal aber doch nicht ganz leichtem Seiten-/Gegenwind. Ich mache Druck am Pedal und freue mich, das ich die geplanten 210 bis 220W treten kann. Gefühlt fliege ich. Bis der nächste “Zug” kommt und mich wieder ein paar Athleten in Reih und Glied überholen. Ich mache mein Rennen und gebe mich der Versuchung nicht hin, obwohl es mich viele Körner und auch einige Minuten Zeit kostet, alleine den Kopf in den Wind halten zu müssen. Ich bleibe fair. Ehrlichkeit und Fairness ist mir ein wichtiger Wert. Das lebe ich auch im Sport. Runter von der S33 geht’s in die Wachau. Unglaublich schön ist’s hier und das Wetter lädt ein, zwischendurch auch mal die Gegend zu genießen. Ich bin unendlich dankbar, dass ich das so erleben darf und diese Schönheit macht mir auch die Qualen und das Brennen in den Oberschenkeln gleich um so vieles leichter. Drücken Alexander, muss ich mich zwischendurch immer wieder daran erinnern, das ich ja im Wettkampf bin und es fühlt sich gut an. Der Druck stimmt. Ich fahre konstant an der Grenze meiner Ausdauerleistung und fahre erstmals eine Mitteldistanz mit Wattmesser im Blickfeld und Puls an der Grenze zur Schwelle. 230W sollte ich laut “Labor” (Laktattest) dauerhaft treten können. Außentemperatur, Vorbelastung, Sitzposition, Aufregung, uvm. das noch auf den Körper einwirkt lassen mich am heutigen Tage “nur” 214W NP treten, womit ich aber unterm Strich sehr zufrieden bin, wenn auch ich deutlich mehr Power haben möchte. ABER: man darf zwischendurch auch mal zufrieden sein und dass der gewünschte Endzustand noch nicht erreicht ist, hält meine Motivation hoch, weiter an mir zu arbeiten und erlaube mir dadurch in Zukunft noch mehr Spaß auf dem Rad haben zu dürfen. :P

Nach dem ersten Anstieg kommt meine stärkste Phase. Die Abfahrt. Da mache ich wieder Plätze gut, bevor es entlang der Donau bis km 60 zum nächsten Anstieg geht. “Risin’ high” von den H-Blockx und “smooth criminal” von Michael Jackson gehen mir durch den Kopf. Ich will Spaß, ich hab Spaß! Leicht abschüssig, Rückenwind und km 60 nach einer Stunde und 39 Minuten. BAMM! Ein gutes Gefühl. Andrea flüsterte mir vor dem Start noch zu, das ich heute 30′ schwimme, zwei Stunden 30 Minuten am Rad unterwegs bin und eine Stunde 30 Minute laufe. Eine Traumvorstellung. In diesem Moment bin ich dem Traum unglaublich nahe. Bisher etwas mehr als 36km/h Schnitt. Ich bekomm Gänsehaut vor Freude. Und das, obwohl ich über weite Strecken ganz alleine unterwegs war, und mich trotz der verlockenden Einladungen einiger Gruppen, die an mir vorbeigezogen sind, nicht hingegeben habe und meine Watt konstant treten konnte.

Wäre da nicht noch dieser Anstieg von Aggsbach nach Gansbach. 8km lang, 350 Höhenmeter zu überwinden und als wäre das nicht genug, heute obendrein mit ziemlich fiesem Gegenwind. Muss so sein. Den anderen bleibt’s auch ned erspart und so kämpfe ich mich hoch. Diesmal überholen mich nur wenige, weil am Berg das Gruppenfahren ja auch nix hilft. Oben angekommen lasse ich einen Jubelschrei los und düse ab km 67 bergab in Richtung T2. Ein kurzer, wirklich gemeiner Anstieg trennt mich noch vor dem abschließenden Halbmarathon. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 36,45km/h geht’s nach St. Pölten. Gute Reisegeschwindigkeit. Macht Lust auf mehr. :)IM70.3 St.Pölten 2018 T2

Zwei Stunden, 37 Minuten und 19 Sekunden benötige ich dieses mal für die Radstrecke. Ganz gut. Aber noch nicht ganz meinen Vorstellungen entsprechend. Wer Tipps für mich hat, wie ich die 2,5 Stunden auf der Strecke knacken kann, mit fairen Mitteln versteht sich… you’re welcome! ;)

Knapp drei Stunden und 15 Minuten habe ich auf der Uhr. Wie geil?! Schaffe ich womöglich die vier Stunden und 45 Minuten Marke?! 2015 bin ich 1:29 gelaufen. Es scheint mir nicht unrealistisch. Doch dieses Mal ist’s doch um einige Grad wärmer. Hitze, mit der ich als nicht gerade südländischer Typ, leider so meine Probleme habe. Dazu kommt eine sehr drückende, schwüle Luft. Es wird nicht einfach. Und eigentlich hab ich nach der bisherigen Glanzleistung gar keine Lust mehr zu laufen. Die Sonne brennt runter, die Luft ist “dick”, die Oberschenkel brennen, der Magen ist von den süßen Gels schon etwas beleidigt und eigentlich ist es ein schöner Sonntag, den man gemütlicher genießen könnte. Naja. Ich bin schon hier. Das Startgeld (rund €300) ist bezahlt, das meiste hab ich geschafft. Also mach ich weiter. Schritt für Schritt. Gedanke um Gedanke. Meter für Meter. Nie wieder, schwöre  ich mir zwischendurch. Und doch geht’s irgendwie weiter. Die Konzentration lässt zwischendurch nach. Ich brauche Koffein. Ein Cola bei der Labestation ist meine Rettung. Ganz plötzlich sind die Gedanken wieder klar und das Ziel ist wieder scharf vor meinem geistigen Auge. Andrea im Ziel und ein alkoholfreies Weißbier im kühlen Schatten. JA! Aja. Und 4 Stunden 45 Minuten die es zu knacken gilt. Die ersten 10 km schaffe ich dann auch ungefähr in der geplanten Pace von 4:20/km, wobei ich die ersten km etwas zu schnell angehe und mich das bremsen Kraft kostet.IM70.3 St.Pölten 2018 run Auf geht’s in die zweite Runde. In der Ironmile erlaube ich mir einen Spaß und fange an zu singen. Vermutlich die Sonne. Oder der verzweifelte Versuch, etwas Aufmerksamkeit und Energie von den Zusehern aufzusaugen. Es klappt. Die Ironmile ist eine Art Energielabe für mich. Nach einem kurzen Durchhänger vor der nächsten Cola laufe ich zwischenzeitlich knapp unter 5:00 den km und ich versuche alle Mentaltechniken, die mir in diesem Moment noch einfallen. Es klappt auch dieses mal. Ich überwinde das letzte Tief, hole mir nochmals Energie von den Zusehern in der Innenstadt und ich merke, wie sich mit dem nahenden Ziel, mein Körper langsam wieder aufrichtet, das Tempo von 4:50 auf unter 4:40 je Kilometer steigt und die Vorfreude auf das Ziel immer größer wird. Ein letzter Blick auf die Uhr verrät mir, dass sich die 4:45 vermutlich nicht mehr ausgehen werden, dafür aber eine Zeit deutlich unter 4:50 mehr als realistisch ist. Ich geb Gas!

Die letzten Minuten entlang der Strecke sehe ich Freunde und Bekannte. Die Zurufe motivieren zusätzlich. Vor der letzten Kurve gibt’s noch einen Kuss von Andrea. Das beste am Bewerb. Da fällt mir ein: “it’s not unusual” von Tom Jones hat mich beim laufen begleitet und stimmte das Lied immer wieder an. Sehr zur Freude der am Rand stehenden Zuseher… ;)

Ich schweife ab, zurück zum Rennen: Die Vorfreude steigt und ich kann die Ironmile so richtig genießen. Ich entspanne und werde locker. In Gedanken wollte ich noch dem Sprecher das Mikrofon nehmen und mit den Zusehern “Seven Nation Army” anstimmen… leider konnte ich diesmal die beiden nicht entdecken. Vermutlich zu meinem Glück, sonst wäre ich womöglich noch auf den letzten Metern von der Security abgefangen worden. ;)

Jetzt aber ein letztes Mal zurück zum eigentlichen Vorhaben: eine Mitteldistanz in meiner bisher schnellsten Zielzeit. Das war mir sicher und ich lief locker den Zielteppich entlang. Saugte die Stimmung auf und genoß sichtlich jeden Meter vor dem Zielbogen. Die Freude ist riesig. Obwohl es so viel Spaß machte, war es dennoch einer meiner härtesten Kämpfe bei einem Rennen. Ein Kampf der aber durch enorme Glücksgefühle belohnt wird. Eine Stunde und 32 Minuten benötige ich für den abschließenden Halbmarathon. Nicht schlecht, ging aber schon um drei Minuten schneller. In Anbetracht der Hitze allerdings eine gute Zeit.

IM70.3 St.Pölten 2018 Finish

Vier Stunden, 47 Minuten und 35 Sekunden benötige ich am Ende für die 1,9km schwimmen, 90km auf dem Rad und den abschließenden Halbmarathon. Ich bin überglücklich und zufrieden. Zufrieden. Ein komisches Wort. Ein wichtiges Wort. Ein interessanter Zustand und ein “friedvolles” Gefühl. Wer weiß, vielleicht ist dass der Schlüssel zum Erfolg. Aber ich mache mir keine Sorgen darüber. Ich bin zufrieden und trotzdem erkenne ich Entwicklungspotential. Jetzt aber genug vom philosophieren. Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass es nicht immer einfach mit mir ist, wenn ich da alleine mit mir kämpfe und vollkommen auf mich gestellt bin. Immer wieder interessant und Selbsterfahrung pur. Das macht Spaß. Der Kampf mit sich. Und so vieles mehr. I’m Lovin’ it! Interessant, oder? Zwischendurch nie wieder, am Ende dann aber doch wieder die Ansage auf Wiederholung. Vielleicht. Falls ja: du liest davon. ;)

Viel Spaß bei deinem persönlichen Kampf und genieße das Leben.

tbc. AB